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Verleihung BDA Architekturpreis & BDA Studienpreis Rheinland-Pfalz 2015

23. September 2015

 

BDA Architekturpreis Rheinland-Pfalz, Auszeichung
BDA Architekturpreis Rheinland-Pfalz, Auszeichung
Neubau Stefan-Andres-Gymnasium mit Mensa und Buergerzentrum

 

 

 

Schweich

Der BDA Landesverband Rheinland-Pfalz lobt seit 1997 den BDA Architekturpreis, seit 1990 den BDA Studienpreis aus. Der BDA Architekturpreis zeichnet fertig gestellte Bauten aus, die im Sinne der Stärkung der Qualität des Planens und Bauens in Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Umwelt vorbildlich sind. Die Auszeichnungen sollen dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein für die Qualität des Planens und Bauens in Rheinland-Pfalz zu fördern und die Bedeutung guter Architektur in der Öffentlichkeit zu vermitteln.
Mit der Auslobung des Studienpreises verweist der BDA auf die Verantwortung der Architektenausbildung als Grundlage für die künftige Qualität der gebauten Umwelt. In diesem Jahr fallen beide Preise zusammen und erfreulicherweise können wir auch beide Preise an einem Abend gemeinsam verleihen. Wir freuen uns besonders, dass Doris Ahnen, Ministerin der Finanzen in Rheinland-Pfalz, die Schirmherrschaft für beide Preise übernommen hat.

Mit der Konstellation beider Preise wird der Zusammenhang zwischen einer erfolgreichen Lehre an den Hochschulen und der Erwartung der Gesellschaft an eine hohe Qualität der gebauten Umwelt besonders deutlich. Aber wie ist es um die Zukunft derer bestellt die heute für ihre Studienarbeiten eine Auszeichnung oder Anerkennung erhalten? Welche Chancen bieten sich Ihnen ihr Können unter Beweis zu stellen, einen Beitrag für die Entwicklung von Landschafts- und Stadträumen zu leisten? Bundespräsident Joachim Gauck hat am 3. Juli dieses Jahres vier Architekten zu einer Matinée zu Ehren der Architektur in das Schloss Bellevue eingeladen. Es ging Gauck darum an diesem Tag auf die Wirkung von Architektur für uns alle hinzuweisen: „Ich möchte ganz bewusst als Bundespräsident einmal die Bedeutung der Architektur und der Architekten für unser Land, für unsere Gesellschaft, für unser Empfinden und unsere Erfahrung von Raum und von Zuhause deutlich machen.“ (1)
Eine große Geste, zu der, aus dem Anlass der runden Geburtstage der vier, die Bundesbauministerin, Architekturjournalisten, junge Architektinnen und Architekten sowie eine Reihe von Persönlichkeiten die sich für Baukultur in der BRD engagiert haben und noch engagieren eingeladen waren. Geehrt wurden an diesem Tag Gottfried Böhm, Meinhard von Gerkan, Helmut Jahn und Frei Otto, der die Einladung noch erhalten hatte aber den Tag nicht mehr erleben konnte. Die geehrten Architekten haben, wie viele in ihrer Generation, die gebaute Umwelt durch ihre Kirchen, Wohnungsbauten, Flughäfen und Bahnhöfe geprägt. Das Olympiadach von Frei Otto mit seiner beschwingten und leichten Gestalt wurde keine 30 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg sogar Symbol eines neuen weltoffenen Deutschlands. Würden die Bauten, die für die vier Kollegen durchaus Neuland bedeuteten, heute noch entstehen können? Wohl kaum. Meinhard von Gerkan und Volkwin Marg hatten so gut wie noch nichts als sie nach dem Wettbewerbserfolg mit dem Bau des Flughafen Tegel beauftragt wurden, Frei Otto und Günther Behnisch hatten nichts in Größenordnung und Typologie vergleichbares realisiert als ihnen der Bau des Olympiastadions in München anvertraut wurde. Was bedeutet das für die Zukunft der Studienpreisträger heute Abend? Für was könnte die Bundespräsidentin oder der Bundespräsident im Jahre 2079 die heute 26 jährigen zu ihrem 90. Geburtstag ehren? Es geht natürlich nicht nur um die persönlichen Chancen von Architektinnen und Architekten heute. Es geht vielmehr um die Frage, ob wir angesichts der anstehenden Aufgaben zur Bewältigung der Energie-, Infrastruktur- und Wohnungsfragen – die vor allem die kommenden Generationen betreffen – auf das Engagement und die Risikobereitschaft junger Generationen verzichten können. Die heute erfolgreichen Studienpreisträger morgen mit dem Bau eines Kindergartens oder einer kleinen Schule zu beauftragen – wir wollen gar nicht von Flughäfen und Bahnhöfen reden – ist angesichts der heute nachzuweisenden Referenzen, Büroumsatzzahlen und Mitarbeiternachweise undenkbar. Frei Otto, Gottfried Böhm, Meinhard von Gerkan und Helmut Jahn würden nach der heute üblichen Vergabepraxis den Auftrag für die Bauten, die für die bundesrepublikanische Geschichte wichtige, teilweise entscheidende Beiträge darstellen, wahrscheinlich nicht erhalten – mehr noch – man würde sie, mangels Referenzen, Bürogröße und Umsatz gar nicht erst zum Wettbewerb zulassen – wenn überhaupt ein Wettbewerb ausgeschrieben werden würde. Die Gleichzeitigkeit mit der die einen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden während die anderen nicht in die Lage versetzt werden wertvolle Beiträge für die Gesellschaft zu leisten, fällt auf und bereitet Sorge. Gerade öffentliche Auftraggeber müssen dem beispielhaft entgegentreten und mit Vertrauen in junge Architektinnen und Architekten die restriktiven Vergabeverfahren für junge Architektinnen und Architekten und die große Zahl kleiner Architekturbüros in Rheinland-Pfalz öffnen. Mit Ihnen, sehr geehrte Frau Ministerin Ahnen sind wir dazu im Gespräch und werden den Dialog fortführen. Ich bin voller Hoffnung, dass es gemeinsam gelingen wird dazu wichtige Impulse in die richtige Richtung auf den Weg zu bringen. In der Veränderung der Vergabepraxis sehen wir eine gemeinsame Aufgabe,der ein Sicherheitsbedürfnis der Verwaltungen entgegenzustehen scheint, das für die, die sich in den Büros mit dem Bauen tagtäglich befassen unbegründet und nicht angemessen erscheint.
Auf dem Spiel steht schließlich der entscheidende Teil der Baukultur und das ist nicht der des darüber Redens, sondern der des Machens. Das größte Potential für Veränderung steckt in denen, die sich neu mit den Aufgaben auseinandersetzen, die eine sich verändernde Gesellschaft an die Architektur stellt. Wenn man sie denn machen lässt. Einer der geehrten Teilnehmer der Matinée zu Ehren der Architektur bei Bundespräsident Gauck, Meinhard von Gerkan bringt es auf den Punkt: „(…) Wenn man erst drei Referenzbauten braucht, um zum Wettbewerb überhaupt zugelassen zu werden, ohne Gewinn eines Wettbewerbes aber nicht bauen kann, wie soll man dann je ans Bauen kommen?“ (2)
Heute freuen wir uns über die ausgezeichneten Bauten und Studienarbeiten sowie die Anerkennungen in beiden Kategorien. Die Auszeichnungen und Anerkennungen des BDA Architekturpreises richten sich gleichermaßen an die Architektinnen und Architekten wie an die jeweiligen Bauherrschaften der Projekte, denn für das Gelingen eines Projektes braucht es nicht nur eine gute Architektin, einen guten Architekt, sondern vor allem auch eine gute Bauherrschaft. Was die Preisträger von Architektur- und Studienpreis heute Abend eint, ist Leidenschaft für die Architektur im Sinne der Hingabe. Für die einen ist es noch eine Vision auf Papier, für die anderen ist die Vision Realität geworden. Und wir wünschen uns, dass auch die Visionen derer, die heute noch im Architekturstudium sind oder dieses gerade abgeschlossen haben, ausgerichtet am Gemeinwohl der Gesellschaft, ebenfalls Realität werden und ihnen dazu alle Chancen zur Verfügung stehen. Wie könnten diese Visionen aussehen? Wie sehen die Aufgaben von morgen aus? Das Programm dazu könnte ein uraltes sein. Noch einmal Bundespräsident Joachim Gauck: „(…) Am Ende aber steht als Utopie des Zusammenlebens: die Stadt! Das sogenannte himmlische Jerusalem. Jeder Architekt baut im Grunde doch mit an einer Welt, in der die Menschen glücklich und friedlich miteinander leben wollen und können, in der ihre Seele gleichzeitig ruhig und ganz weit wird. Jede gelungene Architektur, jede geglückte Urbanität dürfen wir vielleicht auch als Vorschein solch einer ersehnten Bleibe sehen. Dass wir gerne sind, wo wir sind, dass wir gerne arbeiten, wo wir arbeiten, dass wir Heimat empfinden und gleichzeitig auch die Ahnung bekommen von etwas, das größer ist als wir selber: all das kann gute Architektur bewirken“. (3)

 

Prof. Heinrich Lessing
Vorsitzender BDA Landesverband Rheinland-Pfalz

(1) Matinée zu Ehren der Architektur, Schloss Bellevue, Rede
Bundespräsident Joachim Gauck, 3. Juli 2015

(2) Black Box BER – Vom Flughafen Berlin Brandenburg und
anderen Großbaustellen – Wie Deutschland seine Zukunft verbaut,
2013, S.135 f.

(3) Matinée zu Ehren der Architektur, Schloss Bellevue, Rede
Bundespräsident Joachim Gauck, 3. Juli 2015

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