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BDA Architekturpreis Rheinland-Pfalz 2018 Vergeben

11. Oktober 2018

Thorsten Rheinheimer
Thorsten Rheinheimer
Ausstellung in Trier

Die Wahrheit der Ausnahme

Die rheinland-pfälzische Architekturlandschaft zwischen Realität und BDA-Preis

Von Markus Clauer

„Deutschlandschaften“ war der deutsche Beitrag für die Architekturbiennale 2004 in den Giardini von Venedig überschrieben. Die Ausstellung eine Assemblage aus 39 Projekten, die, wie es hieß, den Diskurs zu eröffnen versuchten über die Eigenschaftslosigkeit von städtischen Randzonen und der Provinz. Es ging darum, welche Rolle Architekt/innen bei der Neudefinition undifferenzierter Territorien spielen können. Gute Frage.

Eine der ausgestellten Architekturen in Venedig war der Neubau des Hauses Göppner in Ramstein, einem unscheinbaren globalen Ort, der das Hauptquartier der US-Luftstreitkräfte in Europa und das Oberkommando der Alliierten Luftstreitkräfte Nordeuropa beherbergt. Ein befremdlicher Schauplatz mitten in der Pfalz, der Kabul und den Großraum Kaiserslautern kurzschließt.

In Ramstein sieht es aus wie überall, Katalogbauten, Gaubenverirrungen, Säulchen-Seligkeit, Gips-Baluster, Immobilien, aufgereiht. Das Haus Göppner des Kaiserslauterer Büros von Dirk Bayer und Andrea Uhrig steht seit 15 Jahren wie ein zeitgereister Monolith im Wendehammer eines üblichen Konglomerats – mit gekapptem Dachüberstand, der den Autoabstellplatz behütet, seinem kryptischen Oberlichtband aus Kellerfenstern, dem Faserzementplattengiebel mit niedlichen Lüftungslöchern, dem Patio, seinen offensichtlichen wie verborgenen Qualitäten und augenzwinkernden Referenzen.

Einen ersten Entwurf hatte der Ramsteiner Bauausschuss mit 27 zu null Stimmen schlichtweg abgelehnt. Als es gebaut war, fremdelte – wie in den Leserbriefen der regionalen Tageszeitung DIE RHEINPFALZ nachzulesen ist – die Nachbarschaft nachbebend mit dem Haus, das sich nicht einfach einreihen wollte. Und jetzt steht der Bau des Anstoßes in den Annalen einer Weltausstellung pars pro toto für eine Art rebellisch-vitale Architektursprache Made in Germany. Und die Pfälzer? Schauen das ungeliebte, ausgezeichnete Nachbarhaus plötzlich mit indifferentem Respekt und vom Expertenurteil aufgerautem Widerspruchsgeist an. So kann es also auch gehen, wenn man etwas will.

Es gibt da dieses Diktum des Architekturkritikergurus Wolfgang Bachmann, des ehemaligen Chefredakteurs der Fachzeitschrift „Baumeister“. Es ist nachhaltig virulent. Rheinland-Pfalz, Bachmann sprach vom Terrain der Reben, Rüben und Wälder, sei baukünstlerisch terra incognita, ein unbeschriebenes Blatt, Niemandsland, meinte Bachmann gewohnt pointiert. Man glaubt es ihm erst einmal gerne. Aber, wie das Beispiel Bayer/Uhrig zeigt, stimmt das Verdikt zum Glück doch nicht, nicht immer. Es muss auch nicht ewig gelten. Es stammt von vor Jahrzehnten und ist – dialektisch betrachtet – durchaus positiv. Wie der Ludwigshafener Philosoph Ernst Bloch einmal schrieb, hat die Hoffnung als einen Boden, der sie besonders gut gedeihen lässt, die Unzufriedenheit. Kritiker Wolfgang Bachmann jedenfalls lebt seit einigen Jahren in Deidesheim, Pfalz, im Zielraum seines Unbehagens.

Mainz wird nie Berlin werden, baukünstlerisch und baukatastrophisch. Von der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt ist man schließlich in 30 Minuten bei einem Flughafen, an dem alle zwei Minuten ein Flugzeug abhebt. Berlin hat Daniel Libeskinds Jüdisches Museum, als Beispiel von architektonischer Bedeutung unter sehr vielen, Mainz besitzt neben dem Dom die wunderbare Neue Synagoge des Kölner Architekten Manuel Herz, deren idiosynkratrische Silhouette dem hebräischen Wort „Qadushah“ nachgebildet ist, was so viel heißt wie Segen oder Erhöhung, wie wahr.

Das Land ist agrarisch getriggert, 40 Prozent der Landesfläche Wald, 43 Prozent werden landwirtschaftlich beackert, immer noch spielt die militärische Nutzung eine Rolle. Die Oberzentren Ludwigshafen, Koblenz, Mainz und Trier haben alle einen Orientierungsdrift – nach Mannheim, Köln, Frankfurt, Luxemburg. Eine Metropole fehlt, was – alles – das Bauaufkommen schmälert, und damit den Anteil daran, der architektonisch relevant sein könnte. Trotzdem bringt auch Rheinland-Pfalz Bauten hervor wie die Neue Campus-Brücke in Mainz, die sich mit scharfen Kanten ins Wahrnehmungsgedächtnis ritzt. Eine nachts beleuchtete Überquerungsskulptur des Frankfurter Büros Schneider + Schumacher in Zusammenarbeit mit den Ingenieuren von Schüßler-Plan, das wirkt wie ein futuristisches Reptil, dynamisches Origami, ein eleganter Krake oder die Kulisse eines expressionistischen Stummfilms. Einziger Nachteil ist, dass das mit einer Anerkennung beim BDA-Preis prämierte, semi-integrale Sichtbetonbauwerk, das die Hochschule Mainz mit der Johannes-Gutenberg-Universität verbindet, auf der einen Seite in Ackerland ausläuft, das die Kommune vergessen hat zu kaufen.

Der BDA Rheinland-Pfalz hat rund 130 Mitglieder, der des Stadtstaats Hamburg 150, der von Baden-Württemberg einige Hundert. Die TU Kaiserslautern bringt regelmäßig wichtige Baumeister/innen hervor, klugen, begeisterten Architektur-Nachwuchs, der nach dem Abschluss meist aus persönlichen Gründen weiterzieht, die strukturell verankert sind. An der historischen Dynamik der Bewegung hat sich seit Urzeiten nichts verändert: weg aus Rheinland-Pfalz. Die Richtung verbindet die Architekt/innen mit den Literat/innen und Künstler/innen. Der Pool der Bauherr/innen und Baumeister/innen ist in dem von strukturschwachen Gebieten durchsetzten Bundesland einfach limitiert, die anspruchsvolle Bautätigkeit eng begrenzt, aller Bemühungen des Landes, der vehement gegenwirkenden Landes-Architektenkammer und des BDA zum Trotz. Denkbar deshalb auch, dass manche dagebliebenen Baumeister/innen bei überschaubarer Nachfrage mit einem pragmatisch-opportunistischen Angebot reagieren, statt eigene architektonische Ansprüche zu formulieren.

Wenn man die Landes-BDA-Preisträger 2015 mit den Landes-Staatspreisträgern 2018 vergleicht, lassen sich fast ausschließlich Übereinstimmungen finden. Allen voran den jeweils ersten Preisträger Heribert Gies, dessen nachverdichtendes Wohn- und Geschäftshaus ein als unbebaubar geltendes Grundstück präsidiert. Bezogen wurde es 2014.

Der „Architekturführer Deutschland: 20. Jahrhundert“ von Winfried Nerdinger und Cornelius Tafel führt ganze vier Bauten aus Rheinland-Pfalz an. Die Trennwandfabrik Mechel Elemente in Kaiserslautern, die Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen, deren notwendige Sanierung allerdings gerade auch schon wieder heftig infrage gestellt wird, das Mainzer Rathaus von Arne Jacobsen, das zwischendurch von der Damokles-Abrissbirne bedroht war. Und die Christkönigkirche in Bischofsheim, das in Hessen liegt. Was und wieviel aus dem 21. Jahrhundert bleibt indessen, werden wir, die gängige Lebenserwartung vorausgesetzt, nie erfahren.

Max Dudlers Umbau und Erweiterung des Hambachers Schlosses etwa, 2012 mit dem DAM-Preis ausgezeichnet? Oder der Prototyp eines mobilen Fahrradpavillons, der am Hindenburgplatz in Mainz platziert ist, der Architektenkammer gegenüber. Ein unikat gestaltetes Stadtmöbelstück aus wie verwandelt erscheinenden Massenproduktionsteilen? Beim BDA-Architekturpreis-Wettbewerb 2018 erhält es jedenfalls schon einmal eine Anerkennung?

Walter Gropius – einst – sah die „Krankheit unserer Städte“ dadurch verursacht, dass beim Bauen wirtschaftliche und industrielle Belange dominieren. Der britische Gegenwarts-Architekt David Chipperfield, selbst bestimmt nicht schlecht im Geschäft, sagt heute: „In dieser Gesellschaft regiert der Markt, und der Markt bringt eine Architektur hervor, bei der es nur noch um Geld geht. Investoren bauen Häuser, so wie andere Tomaten züchten. Auch von Stadtplanung kann vielerorts nicht mehr die Rede sein, es gibt nur noch Entwicklungskontrolle, so, als ginge es einzig darum, dem Schlimmsten vorzubeugen.“ In Teilen von Rheinland-Pfalz, so scheint es aber, ist die Schadensbegrenzung in den Kommunen handlungs-, das heißt vielmehr: nicht-handlungsleitendes Prinzip.

Das lebenswichtige Instrument der staatlichen Bodenpolitik, die über ihren Besitz zukunfts- und gesellschaftspolitisch verfügt, bleibt ungenutzt, der Umgang mit Bestandsbauten verharrt in Fantasielosigkeit. Weit entfernt ist man auch von der beim BDA-Tag 2018 in Hamburg beschlossenen politischen Grundposition der Baumeister/innen-Gemeinschaft, die zu Ende gedacht jede Architektin und jeden Architekten wirtschaftlich herausfordert: Jeder Neubau muss demnach seine unabdingbare Notwendigkeit unter Beweis stellen. Kein Wunder, dass statt bleibender, umweltkompatibler, gesellschaftlich relevanter Architektur meist einfach nur Gebautes entsteht.

In Ludwigshafen, einer Stadt, die, was die Architekturgeschichte anbetrifft, gerne tabula rasa hinterlässt, – Ausnahme: die Sanierung der Stadtbibliothek, die prompt in die engere Auswahl des BDA-Preises gelangt ist -, kratert seit Jahren ein Bauloch: als besonders eindrucksvolles Mahnmal einer Investoren ausgelieferten Stadtentwicklungspolitik. In Kaiserslautern wird das Pfaff-Gelände, das zentrale Zukunftsareal der Stadt vor allem renditeoptimiert entwickelt. Wie üblich.

Umso höher zu bewerten ist, dass die Pfälzer 3000-Einwohner-Gemeinde Dirmstein ihren Ortskern mit einer raffiniert in die städtebauliche Ordnung gezirkelten Festhalle von BauEins-Architekten vitalisiert. Dass die Winzer Andreas und Dr. Leo Gälweiler sich von den Kaiserslauterer Architekten Molter Linnemann eine swingende, gekurvte Mehrzweckhalle, außen Bildhauerei, innen Low Tech in unmittelbare Nähe der Ortskapelle von St. Katharinen haben stellen lassen, gekühlt vom Nachtwind. Sie hätten ihr Weingut wie die Konkurrenz auch aussiedeln können. Oder, dass die Firma Dachland, ein Betrieb für Dachabdichtungen, nicht einfach nur noch einen brachial-banalen Industriebau in die zersiedelt-unaufgeräumte Landschaft abgeladen hat.

Sogar ein kleines Wettbewerbsverfahren veranstalteten die Inhaber initiiert, um auf das von Schoyerer Architekten entworfene Gebäude zu kommen, das ihrer Firmenphilosophie entspricht und mit den intensiv begrünten Dachbereichen, die in den Schrägen weithin sichtbar sind, verkörpert. Hinweisschilder sind im Grunde obsolet, weil hier ein Bauherr mit breiter Brust sich der Architektursprache bedient. Aber wird das auch von anderen verstanden?

In der Wahrnehmungspsychologie gibt es die sogenannte Figur-Grund-Hypothese. Was vor einem immer gleichen Hintergrund absteht, wird stärker wahrgenommen, wirkt stärker, wird eher erinnert. Wer sich viele öffentliche, gesellschaftsrelevante Bauten anschaut, übrigens auch solche, die beim BDA-Wettbewerb eingereicht wurden, Kindertagesstätten, Altenheime, Schulen, stößt oft auf niederdrückende architektonische Irrelevanz und Einfallslosigkeit. Eine überraschend pragmatische Lieblosigkeit, die der jeweiligen Bauaufgabe nicht gerecht wird und die triste Folie abgibt zum Beispiel für das für die Freie evangelische Gemeinde in Kaiserslautern entstandene Gemeindehaus der Kaiserslauterer Architekten Bayer & Strobel.

Ein dezentes, unprätentiöses, en detail auftrumpfendes, präzise an den Bedürfnissen der Nutzer entlang gebautes Haus ist die Architektur geworden. Mit einem unangekündigt spektakulären Saal im Herzen, ebenso profan nutz- wie sakral aufladbar. Die Gemeinde hat den Bau, der Zwecke erfüllt, ohne in seiner Zweckmäßigkeit zu verbleiben, komplett aus Spenden finanziert. Ganz bewusst wird dabei ein eigener Anspruch auch architektonisch untermauert. Ein Gesamtkunstwerk, das die BDA-Jury mit einer Auszeichnung honoriert hat.

Ebenso wie die Tagespflege für Demenzkranke, von AV 1 Architekten aus Kaiserslautern für den Arbeiter und Samariterbund in Kaiserslautern gebaut, die in einem Karree aus Einfamilienhäusern steht. In den Fußstapfen eines früheren Kindergartens. Mitten in alten Baumbestand, den das eingeschossige Gebäude mit dem deutlichen Dach respektvoll in der Höhe nicht überbietet. Besucher/innen empfängt oft genug Gesang.

Im Gebäude ist um die zentral installierte Küche die Osmose zwischen Innen und dem parkartigen Außenraum inszeniert, ein Ort der Ausblicke. Die temporären bewegen sich entlang eines Handlaufs. Ins Offene. Ein gutes Schlussbild auch für die Situation der Architektur in Rheinland-Pfalz. Die Lage bei uns hier bleibt schwierig, aber aussichtslos ist sie nicht. Das Terrain der Reben, Rüben, Wälder, ein Niemandsland? Der BDA-Preis zeigt sinnfällig, dass auch hier die alte Marxsche und Freudsche Regel gilt: Die Ausnahme ist der einzige Weg zur umfassenden Wahrheit.

Thorsten Rheinheimer
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