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„Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen“ im Landesmuseum in Mainz

24. September 2018

 

Ausstellung ‚Neue Standards. Zehn Thesen zum Wohnen‘ im Landesmuseum Mainz

Der notwendige Diskurs

Zur BDA-Ausstellung „Neue Standards. 10 Thesen zum Wohnen“ im Mainzer Landesmuseum

Ihren eigentlichen Sinn hatte die Ausstellung schon vor der feierlichen Eröffnung im Mainzer Landesmuseum erfüllt. Denn die Schau „Neue Standards. 10 Thesen zum Wohnungsbau“, die der Bund Deutscher Architekten im Jahre 2016 aus der Taufe hob, will erklärtermaßen keine neuen Standards setzen. Zumindest nicht rechtlicher Art. Die Ausstellung will kein Rezept sein, das der Verband den an Wohnungen Interessierten an die Hand gibt, um derzeit höchst bedrängende Fragen kurzerhand zu lösen. Schnell, mühelos, dienstbeflissen. Denn das wissen die Kollegen: Die Wohnungsfrage ist viel zu komplex, vielschichtig und spricht eine Menge sich überlagernder Faktoren an – soziale, kulturelle, wirtschaftliche, juristische, politische, wahrscheinlich eine viel zu große Menge -, als dass man sie mit einer Art Gebrauchsanweisung geschwind und ohne Umstände beantworten könnte, um dann eiligst in diverse Kameras zu lächeln. Nein, die Intention dieser zehn Thesen ist den Diskurs anzuregen, Akteure ins Gespräch zu bringen, nicht nur an Quantitäten, sondern auch an Qualitäten zu erinnern und „Brücken zur Wohnungspolitik und zur Wohnungswirtschaft“ zu schlagen, wie Heinrich Lessing, Vorsitzender des BDA Landesverband Rheinland-Pfalz, erklärte. Das geschieht mit einem breiten Rahmenprogramm, das geschieht mit den Kooperationspartnern der Ausstellung, mit denen man freilich schon eine ganze Weile im Gespräch ist. Etwa mit dem heimischen Finanz- und Bauministerium oder mit der Generaldirektion kulturelles Erbe, und die Architektenkammer sowie der BDA-Bundesverband teilen ohnehin seit Jahrzehnten ähnliche Interessen. Und so hielt sich der Neuigkeitswert in den Grußworten zur Ausstellungseröffnung in Grenzen, sie illustrierten eher die langjährige Zusammenarbeit mit nachdrücklichen Beispielen. 

Dennoch lohnt es sich, auf einige Inhalte des Gesprochenen näher einzugehen: Zur Tatsache, dass Mainz der letzte Standort der gut zweijährigen Ausstellungstour ist, meinte Doris Ahnen, die rheinland-pfälzische Finanz- und Bauministerin: „Das Beste zum Schluss.“ Und sie erzählte von den gemeinsamen Anstrengungen bei der Lösung der Wohnungsfrage. So beispielsweise, dass „unser rheinland-pfälzisches Bündnis für bezahlbares Wohnen und Bauen“ eine „sehr gute“ Vorlage zum Thema Konzeptvergabe in Kürze mit Handlungsempfehlungen vorstellen wird. Dass viele in der Ausstellung angesprochene Themen auch in diesem Bündnis mit insgesamt 21 Partnern verhandelt werden. Ahnen erinnerte an ein „sehr gut umgesetztes Beispiel“ auf dem ehemaligen Konversionsgebiet im pfälzischen Landau, auf dem 2015 die Landesgartenschau stattgefunden hat. Dort wurde ein Grundstück nach den Regeln der Konzeptvergabe verkauft, wobei Kriterien wie Qualität, Wirtschaftlichkeit und Barrierefreiheit die Vergabe entscheidend beeinflusst haben. 50 Prozent sozial geförderter Wohnraum konnte realisiert werden. Allerdings, über die Frage der Gestaltung dieses Quartiers gehen die Meinungen auseinander. Der BDA-Präsident Heiner Farwick sagte, dass die Ausstellung mit ihren insgesamt 13 Stationen der Beitrag des Verbandes zum Bündnis bezahlbares Wohnen und Bauen auf Bundesebene gewesen sei. Farwick ließ keinen Zweifel, dass ihm die derzeitige Wohnungsnot und die Verdrängung von Menschen mit durchschnittlichen Einkommen aus ihren angestammten Wohnquartieren Sorgen mache. Der BDA-Präsident erinnerte Staat, Länder und Kommunen, „ihre sozialstaatliche Verpflichtung wahr(zu)nehmen, das menschliche Grundbedürfnis Wohnen zu fördern, um auch Menschen mit kleineren und normalen Einkommen angemessenen Wohnraum in den Kernstädten zu ermöglichen“. Wobei er dieses durch die Tatsache, dass sich inzwischen große Wohnungsbestände im Eigentum börsennotierter Aktiengesellschaften befänden, bedroht sieht. Denn die seien „nach Aktienrecht ihren Aktionären, nicht aber unbedingt den Mietern mit bezahlbaren Mieten verpflichtet“. In seiner Mahnung, unbedingt aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, traf Farwick sich mit Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesministerium für Inneres, Heimat und Bauen. Nach Schilderung der „sehr, sehr ambitionierten“ Wohnungs-Anstrengungen der Bundesregierung  betonte er die Wichtigkeit „des lebendigen Quartier“. Nicht nur die Qualität von Wohnungen, sondern auch die von Wohnquartieren mahnte er an. Deswegen sei sowohl die soziale Mischung im Quartier als auch die Qualität des öffentlichen Raumes von zentraler Bedeutung. Nur so könne „Heimat vor der Haustür“ entstehen. Und zur Ausstellung meinte Adler: Die zehn Thesen seien keine zehn Gebote – „aber sie könnten es sein“.

Nun ist die BDA-Installation im Vergleich zu beispielsweise den durcharrangierten Ausstellungen des Deutschen Architekturmuseums skizzenhafter, spielerischer, ja auch architektonischer. Nicht das fertige Produkt steht im Focus, nicht die sofortige Umsetzung oder gar konkrete Planungsleistungen, letztlich auch keine figurativen auf Ort und Kontext bezogenen Konzepte, sondern jene ohnehin von keiner HOAI erfassbaren Vorüberlegungen, wie das Wohnen heute und morgen denkbar ist. Auch wenn keiner – zumindest bei der Eröffnung – ein Paar der zahlreich bereitliegenden Hausschlappen angezogen hatte, so waren doch die ebenso zahlreichen Sitzgelegenheiten und die bedruckten Kissen eifrig in Gebrauch. Nicht nur durch das raumgreifend verteilte kräftige Rot ist die Schau sinnlich – und gleichzeitig auch sehr abstrakt. Wobei man einige der von BDA-Kollegen erarbeiteten Thesen sofort unterschreiben kann. Andere regen zum Weiterdenken an, und wieder andere sind allerdings zu differenzieren. Ein Zitat aus der Handreichung zur Ausstellung: „Mit ‚Dichte als Möglichkeit‘ stellen Tim Heide und Verena von Beckerath ein Verständnis von Dichte vor das Differenz, Heterogenität und Verschiedenartigkeit städtischer Funktionen beruht und in dessen Zentrum die Bedürfnisse des Menschen stehen“. Gilt das nicht auch für die keine 50 Kilometer von Mainz entfernte Frankfurter Neue Altstadt, die so viele BDA-Kollegen verdammen? Wer Augen hat, die nicht von ideologischen Scheuklappen verdeckt werden, wird genügend „Differenz, Heterogenität und Verschiedenartigkeit städtischer Funktionen“, wird die zahlreichen, freilich eher subtilen Brüche, Störungen und Hinweise auf Diskontinuität des kurz vor seinen Abschluss stehenden, freilich auch hochsubventionierten Projektes sehen. Doch gerade dieser für manchen BDA-Kollegen irritierende Verweis zeigt die dringende Notwendigkeit, über Qualitäten im Wohnungsbau und seines immer anderen städtischen Umfeldes zu diskutieren. Das unter dem Titel „Sozialraum.Stadt“ vom rheinland-pfälzischen BDA organisierte Begleitprogramm zur Ausstellung gibt reichlich Gelegenheit dazu. 

Ob Workshop für Schüler und Studenten, ob im BDA-Gespräch oder bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit Architektenkammer Rheinland-Pfalz, der Arbeitsgemeinschaft rheinland-pfälzischer Wohnungsunternehmen und der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege unter dem Motto „Menschenrecht Wohnen“: Es geht auch in Zukunft nicht nur um das immer optimiertere Dach überm Kopf, sondern auch um die Verknüpfung der individuellen Wohnung zum Block, zur Straße, zum Quartier, zum öffentlichen Raum und der Infrastruktur, um das Gemeinschaftserlebnis Stadt erst zu generieren.

Bis 28. Oktober 2018 im Landesmuseum Mainz, Große Bleiche 49 – 51, 55116 Mainz. Infos unter www.bda-rheinland-pfalz.de

Text: Enrico Santifaller

Kristina Schäfer, Mainz
Kristina Schäfer, Mainz
Foto: Kristina Schäfer, Mainz
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